Die alles entscheidende Frage zur Lautheit
Dave Kutchs Sicht auf Lautheitsziele
In diesem Ausschnitt aus Start to Finish: Dave Kutch - Episode 19 - Mastering Part 3 hört man Mastering-Ingenieur Dave Kutch ziemlich deutlich sagen, dass er nicht auf bestimmte Lautheitsziele hinarbeitet. “Es ist das Letzte, woran ich beim Mastering denke,” sagt er. “Das ist so, seit ich angefangen habe, und das hat sich nie geändert. Es geht [nur darum], was gut klingt.”
Er erklärt, dass sein Modus Operandi darin besteht, den Song so gut klingen zu lassen, wie es nur geht—Punkt. Lautheitsziele stehen nicht auf seinem Radar. Und weißt du was? Er hat das Renommee—und die Referenzen— um so eine Haltung einzunehmen. Dave hat Musik für große Künstler wie Billie Eilish, The Weeknd, Dua Lipa, Katy Perry, Alicia Keys usw. gemastert.

Im Ausschnitt gibt Dave seine Einschätzung zu Lautheitszielen.
Zum Thema Zielwerte
Wenn wir über Lautheitsziele sprechen, meinen wir die Richtlinien der verschiedenen Streaming-Dienste, die größtenteils auf dem integrierten LUFS-Wert (Loudness Units relative to Full Scale, auch als LKFS bezeichnet) basieren, der die durchschnittliche Lautheit eines Songs misst. Die Dienste verwenden jeweils eigene Lautheitsnormalisierungssysteme, die dafür sorgen sollen, dass die wahrgenommene Lautheit von einem Song zum nächsten konsistent bleibt. Ohne diese Systeme müssten Hörer ständig an der Lautstärke drehen, je nachdem, wie laut jeder Song gemastert wurde.
Der Aufstieg der Lautheitsnormalisierung bei Spotify und den anderen Diensten hat einen sehr positiven Effekt gehabt: Sie hat im Grunde genommen die Loudness Wars beendet. Als die Loudness Wars tobten, standen Mastering-Ingenieure unter Druck von Künstlern, Produzenten und Plattenfirmen, Songs so laut wie möglich zu machen, damit sie im direkten Vergleich hervorstechen. Infolgedessen wurde oft so stark gelimitiert, um die Lautheit zu erhöhen, dass die Dynamik geopfert wurde und die Klangqualität litt. Alles war übermäßig angehoben und zusammengedrückt.
Lautheits-Normalisierungswerte auf Streaming-Plattformen

Lautheits-Normalisierungswerte für die wichtigsten Musik-Streaming‑Anbieter.
Wenn du jetzt jedoch bei einem Pegel masterst, der über dem Lautheitsziel eines bestimmten Streaming-Dienstes liegt, wird dessen Lautheitsnormalisierungsalgorithmus die Lautheit deines Songs absenken. Daher gibt es keinen Grund mehr, den Kompromiss zwischen Dynamikumfang und Lautstärke einzugehen, denn dein Song wird beim Streaming nicht lauter klingen.
Es ist besser, das Zielniveau leicht zu überschreiten als umgekehrt. Der Algorithmus wird absenken, wenn der Song über dem angegebenen LUFS-Level liegt. Manche Dienste heben ihn an, wenn er darunter liegt, andere nicht. Außerdem nutzen einige Streaming-Plattformen möglicherweise einen Limiter, um das Pegel anzuheben, und du möchtest nicht, dass nach dem Mastering noch zusätzlich dynamische Bearbeitung auf deine Musik angewendet wird. Das könnte die Transienten und damit den Punch eines Songs beeinträchtigen.
Spitzenlautheit und True-Peak‑Werte
Neben den LUFS-Lautheitszielen solltest du sicherstellen, dass der True-Peak‑Wert deiner Musik -1 dB nicht überschreitet. Das hilft, Intermodulationsverzerrungen zu vermeiden, wenn dein Song von einem unkomprimierten Format in einen der von den Streaming-Diensten verwendeten CODECs konvertiert wird.
Ein nützliches Plugin beim Mastering ist process.audio Decibel, das dir alle verschiedenen LUFS-Formen anzeigt: Integrated, Short-Term und Momentary. Außerdem liefert es True-Peak‑Werte und TruDyn, ein Maß für die Dynamik, und lässt dich praktisch jede andere Art von Audiometer öffnen. Darüber hinaus kannst du es für verschiedene Streaming-Dienste kalibrieren, um zu sehen, wo sich dein Mix im Vergleich zu deren Lautheitszielen befindet.
LUFS mit process.audio Decibel überwachen

Dieses Layout in process.audio Decibel bietet verschiedene Möglichkeiten, LUFS zu überwachen.
Vorsicht: Limiting mit musikalischer Absicht einsetzen
Wenn du einen Limiter auf deine Musik anwendest, denk an das, was Dave im Ausschnitt gesagt hat: “Be honest with yourself and know when you’re hearing the difference between your mix being open and breathing, and closed and midrangey and loud, and when you’ve lost transients on your kicks and snares.”
Wie viel Dynamikumfang du bewahren musst, hängt von der Musikrichtung ab. Wenn ein Song uptempo ist oder richtig hart zuschlägt, oder beides, kommst du mit mehr Limiting davon. Ist er langsamer, leiser oder akustisch und weist große dynamische Schwankungen auf, musst du besonders vorsichtig sein. Wie aggressiv du limiten solltest, ist nicht nur eine Frage von Pegeln, sondern auch eine künstlerische Entscheidung. Den Limiter stärker auf Gain Reduction zu treiben, liefert einen dichteren Sound, was je nach Song gut funktionieren kann.
Vergleich von Limiting bei gleichem LUFS‑Niveau
Die folgenden Beispiele wurden mit -14 LUFS integrated als Lautheitsziel gemastert. Alle haben dieselben Attack- und Release‑Einstellungen. Das erste Beispiel, das du hörst, hat einen Limiter, der etwa 2,5 dB Gain-Reduction anwendet. Laut Decibel liegt sein TruDyn‑Wert bei 10.5 dB.
Das zweite Beispiel ist stärker limitiert, mit einer durchschnittlichen Gain-Reduction von etwa 5 dB. Sein TruDyn‑Wert beträgt 9.1. Man hört, dass es etwas knackiger klingt als das erste, aber für einen Rock-Mix wie diesen funktioniert es.
Das letzte ist absichtlich zu stark zugedrückt. Der Limiter wendet zwischen 8 und 9 dB Gain-Reduction an, und sein TruDyn‑Wert liegt nur bei 6.9 dB. Neben dem Verlust an Dynamik und der Reduktion der Transienten klingt es auf unangenehme Weise verzerrt.
Wenn du dir diesen Vergleich der Wellenformen genau ansiehst, kannst du den Unterschied im Dynamikumfang erkennen.

Im Uhrzeigersinn von oben links: die Wellenformen der ersten, zweiten und dritten Beispiele.